Es ist Hochsommer. Es ist August, der siebzehnte. Ich habe heute keinen Dienst. Als wir mit dem Glockenschlag um elf aus der Bedrückung ins Freie treten, ist es warm. Wir gehen ganz hinten und sind im Schatten – bei zweiunddreißig Grad.

Einsamkeit. Dabei bin ich unter Menschen. Rechts überholt mich ein SUV, um knapp vor mir links wieder einzuscheren, obwohl ich sechzig fahre. Es ist eine der belebten Ausfallstraßen der Großstadt. Als wir auf gleicher Höhe sind, passieren wir die Rennbahn und eine Bushaltestelle, an der fremde Menschen stehen.

Technik überall. Gestern blickte ich im Mega-Elektronikmarkt ungewollt auf Mega-Angebote, Maxi-Werbetafeln, Punkten mit Payback, gratis Einkaufsgutscheine, Kaufen auf Pump für null Prozent Zinsen die nächsten vierundzwanzig Monate. Zwei Jahre, in denen die Fernsehbildschirme mindestens doppelt so groß werden und am Ende dasselbe kosten wie der halb so kleine von gestern. Erschlagen zwischen Epiliergeräten, Kaffeevollautomaten, Softpornos und Horrorfilmen.

Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür. Und er wird zu mir gehören, das heißt nicht wirklich direkt zu mir, aber er wird ein klitzekleines Teil meines Lebens werden. Das wusste ich damals aber nicht, als ich bei ihm vor der Tür stand und erst gar nicht so recht weiter wusste. Drei Stunden seit Mitternacht waren vergangen. Mitternacht war es, kalt und trocken, sternenklar, mitten im dritten Drittel des Dezembers.

Schon öfter habe ich einen Menschen derart schreien hören und sehen. Schon öfter stand ich in fremden Wohnzimmern. Bei Menschen, bei Angehörigen. Diese Mutter, die ihren Sohn verloren glaubt, schreit unaufhörlich. Schrei einer Verzweiflung, einer Angst? Meinen Einsatz der Benachrichtigung gebe ich in hausärztliche Hände. In helfende gebe ich sie zur Linderung eines, ihres urplötzlich aus der Waage geratenen Seelenzustandes. Damit helfe ich auch mir. Und er?

Neunzig Jahre, 11,7 Kilometer, 2 Uhr und 33 Uhr Minuten, Dienstagnacht, 16,5 Grad, bedeckt, windstill.

Scheinwerferlicht vis-à-vis Scheinwerferlicht. Er auf der Überholspur, wir auf der rechten Spur. Wir in Fahrtrichtung, er entgegen der Fahrtrichtung. Wir im Zivilwagen, er in seinem zivilen Wagen.

„Ey, Leute, eine Polizistenfrau“, dröhnt es aus dem ersten Wagen der Linie 4 – vom Hauptbahnhof stadtauswärts. Fünfzehn Minuten sind es bis nach Hause mit der Straßenbahn. Es ist einer der wenigen Tage, an dem ich meine Uniform nach Dienstschluss nicht in den Schrank gehängt habe, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahre.

Weil immer alle Menschen an den Türen stehen bleiben, suche ich mir einen Weg weiter in die Mitte. Mit der Ausrüstung und dem Rucksack bleibe ich immer mal wieder irgendwo hängen. Alles irgendwie sperrig. Abgespannt bin ich sowieso.

Die Bushaltestellen an der Ausfallstraße wurden vor nicht allzu langer Zeit neu gestaltet. Die alten Holzunterstände abgerissen, neue, moderne aus Glas und Metall errichtet. Das Glas schon längst durch in die Scheiben gekratzte Graffitis beschädigt. Der vorbeiführenden Fuß- und Radweg derart erhöht, dass Fahrgäste nahezu ebenerdig ein- und aussteigen können. Für Radfahrer lassen diese Erhöhungen ein Fahrgefühl wie einer Achterbahn entstehen. Auf und Ab – wie das Leben selbst.

Deine Augen groß und braun
Weit geöffnet, in die Leere schaun
Ganzer Körper, Arm und Bein
Dunkler Teint, zierlich fein
Schwarze, dichte Haare
Da kommt sie schon, die Kinderbahre

Kurz vor Ende der Spätschicht bin ich zusammen mit dem seit Wochen zugeteilten Praktikanten Oliver an der Ortsgrenze zum Nachbarrevier. Wir haben noch eine letzte Schleife gedreht und laufen nun die Wache wieder an. Es ist kurz vor sieben.

Der Funkspruch des Wachhabenden mit der Frage nach unserem Standort erreicht uns. Es scheint dringend. Ihn hat der Notruf eines Mannes erreicht, der sagte, er hätte seine Frau umgebracht.

“Ring, ring, ring“, der Telefonhörer des schwarzen Telefons älteren Modells hüpfte mit dem Klingeln leicht hin und her. im kleinsten Kollegenkreis wurde es „der Vergrellte“ genannt. Der Vergrellte war für Notrufe da.

Im Display erschien der Schriftzug „unbekannter Teilnehmer“.

Nele, die alleine Dienst in der Wache machte, diskutierte gerade im vorderen Wachbereich mit einem älteren Herrn, der seinen Hund vermisste.